Ein Ort, ein Messer STERN 21/2003
Wer in Frankreich mehr sein will als ein ordinäres Schneidewerkzeug, muss schon aus der Schmiede von Laguiole kommen.
Mit einer Kittelschürze steht Madame an der Kasse und behandelt jeden Kunden wie einen Eindringling in ihr Allerheiligstes: ein winziger dunkler Laden, in dem es außer Kuhglocken und Bauerntellern jede Menge "Laguiole" zu kaufen gibt; Brotmesser, Bratenmesser, Taschenmesser mit und ohne Korkenzieher, Tafelmesser mit Rosenholzknauf und Messingbeschlägen in der 6er-Kiste, Gemüsemesser mit Wellenschliff und Kunststoffgriff - und sie alle tragen den stolzen Schriftzug "Calmels Laguiole" auf den Klingen.
"Pierre-Jean Calmels war mein Ururgroßvater“ beginnt Madame gerade zu wispern, da tauchen hinter ihr zwei weite¬re ältere Damen auf, ebenfalls Nachkommen des großen Messerschmieds. Die eine hat Basedow-Augen und übernimmt sofort das Kommando, schickt erst mal ihre Schwester Info-Material holen und stellt klar: "Keine Fotos hier drinnen im Laden, draußen könnt ihr machen, was ihr wollt“. Als die Broschüre über die seit 1829 im Messergeschäft aktive Familie eintrifft, hat sich die resolute Seniorchefin schon wieder etwas beruhigt. "Damit kann man prima Tomaten schneiden“ sagt sie und kramt ein Messer mit schwarzem Griff aus der Schublade, "kostet nur drei Euro."
Wir kaufen zwei dieser einfachen Calmels-Messer. Sie sind ausgezeichnet, aber hergestellt in Laguiole (sprich: Lajoll) Frankreichs legendärem Messerdorf im Süden der Auvergne - sind sie nicht. Dutzende von Messer-Shops bieten dort fast ausschließlich Industrieware an, die im französischen Thiers oder im fernen Pakistan gefertigt werden. Schon um 1900 hatten die großen Schmiede das kleine Dorf im Zentralmassiv verlassen, doch der Name Laguiole blieb untrennbar mit dem Meisterwerk verbunden, das Pierre-Jean Calmels einst kreiert hatte - ein Taschenmesser, handlich und hübsch, das bis heute zu den Annehmlichkeiten der französischen Lebensart zählt.
Calmels verwandelte 1829 den "Capouchadou", einen ursprünglich aus Spanien stammenden Kleindolch, den man am Gürtel trug, in ein bequem zusammenfaltbares Messer für den täglichen Gebrauch. Mittels einer Federkonstruktion gelang es Calmels sogar, die Klinge fest zu arretieren, in geöffnetem wie geschlossenem Zustand. Später verzierte die Schmiede die Griffe liebevoll mit Bienen, Fliegen und Kleeblättern. Oder mit kleinen Kreuzen, damit die Hirten fernab der Kirchen beten konnten - vor dem im Boden steckenden Messer mit dem Christensymbol. Oft fügte man der Klinge einen Korkenzieher hinzu, manchmal auch einen Dorn, den die Fuhrleute zur Reparatur des Lederzeugs ihrer Pferde gut brauchen konnten.
Ende des 19. Jahrhunderts zieht es viele Bewohner der armen Region nach Paris, Kohlenschlepper und Bistrokellner, die meist ein gutes "Laguiole" in der Tasche haben. Ihr Talisman, bald auch ein begehrtes Objekt der Städter, wird jetzt aus immer edleren Materialien hergestellt überall in der Welt, nur nicht in Laguiole. Das ändert sich erst 1987, als in dem 1300-Einwohner-Nest plötzlich eine silbrig glitzernde Fabrik entsteht, aus deren Flachdach eine überdimensionale Messerklinge 16 Meter hoch in den Himmel ragt.
Die hypermoderne "Forge de Laguiole" (Schmiede von Laguiole), entworfen vom Pariser Star-Designer Philippe Starck, setzt schnell neue Maßstäbe in der Messer-Manufaktur. Unter dem Silberdach schmieden, stanzen, schleifen und schärfen heute 104 Mitarbeiter Klingen aus härtestem T-12-Stahl oder aus einem Kohlenstoffdamast mit 288 Lagen. 800 verschiedene Modelle hat die Firma im Programm. Ihre leicht gebogenen Griffe sind aus kostbaren Materialien - aus schwarzer Hornspitze oder elfenbeinfarbenem Bein, aus Oliven, Wacholder- oder Palisanderholz. Seit seiner Gründung befindet sich das neue Marken-Unternehmen auf Wachstumskurs, produziert inzwischen jährlich 250000 Exemplare, zum großen Teil für den Export.
Frühmorgens schon geht es an der High-Tech-Schmiede zu wie an einem Wallfahrtsort. Touristen steigen aus Bussen und scharen sich vor den Glasvitrinen in der Eingangshalle. In einem der Guckkästen liegt nur edelste Designer-Ware. Wie wär's mit einem Käsemesser von Philippe Starck, am besten das mit dem bordeauxroten Bakelitgriff? Oder das elegante Modell, das die Modeschöpferin Sonia Rykiel entworfen hat? "Aber ja doch“ haucht eine Verkäuferin, "manche geben hier auf einen Schlag 1000 Euro für ein paar Messer aus". Schnäppchen gibt es auch, ab 25 Euro an einem Extrastand.
Vom Showroom können die Besucher direkt in die Werkstätten gehen und den Handwerkern bei der Fertigung zuschauen. In der ersten Halle steht eine 300-Tonnen-Presse, wo die Stahlklingen bei Temperaturen von 1200 Grad Celsius geschmiedet und gehärtet werden. Danach folgt der Feinschliff und zum Schluss die Montage unterschiedlichster Griffschalen. Erstaunlich, wie viele Sonderanfertigungen es hier gibt - zum Beispiel für die gehobene Gastronomie; so tafeln die Gäste in Baden-Badens vornehmen "Brenner's Park-Hotel" mit "Laguioles", deren blaurote Griffe aus Staminaholz sind.
Für höchste Ansprüche ist Virgilio Mufioz Caballero zuständig. Der Spanier, ausgezeichnet als "Meilleur Ouvrier de France" (Bester Handwerker Frankreichs), hat im Firmengebäude ein eigenes Atelier. Ein paar Prachtexemplare mit echten EIfenbeingriffen und grau ornamentierten Damaszenerklingen liegen blank poliert auf seiner Werkbank. "Solche Luxus-Serien verkaufen wir besonders gut in Barcelona“ sagt Firmenchef Gerard Boissins, betont indes, am besten liefen die "normalen Laguioles", die um die 50 Euro kosten. „Viele Franzosen tragen ihr Lieblingsmesser ständig bei sich, ein Leben lang, manche ziehen es sogar aus der Tasche, wenn sie bei Freunden oder im Restaurant essen“ erzählt Boissins. Natürlich benötigt das gute Stück entsprechende Pflege; putzen darf man es nur mit einem trockenen Tuch, der Griff sollte nicht feucht werden. Und wenn der ständige Begleiter doch einmal eine Macke hat, kann man ihn in der Schmiede von Laguiole wieder auf Vordermann bringen lassen.
Im Besitz solch eines französischen Freunds ist auch Außenminister Joschka Fischer. Als man bei ihm vor zwei Jahren aus Paris anfragen ließ, wo in Frankreich er beim nächsten Staatsbesuch am liebsten eine Stippvisite machen würde, da erinnerte sich der Bundesgrüne an alte Studententage und an eine Fahrt mit dem Käfer durchs Zentralmassiv - im Juni 2001 bekam er bei einem Besuch in Laguiole ein Philippe-Starck-Modell mit blitzendem Stahlgriff geschenkt. Und wie es die Tradition verlangt, überreichte Monsieur Fischer im Gegenzug Firmenchef Boissins eine Geldmünze - ein alter Brauch, der verhindern soll, dass die Freundschaft jemals zerschnitten wird. Tilman Müller
Quelle: Zeitschrift STERN, Ausgabe 21/2003, Autor Tilmann Müller
→ FORGE DE LAGUIOLE Onlineshop
Mit einer Kittelschürze steht Madame an der Kasse und behandelt jeden Kunden wie einen Eindringling in ihr Allerheiligstes: ein winziger dunkler Laden, in dem es außer Kuhglocken und Bauerntellern jede Menge "Laguiole" zu kaufen gibt; Brotmesser, Bratenmesser, Taschenmesser mit und ohne Korkenzieher, Tafelmesser mit Rosenholzknauf und Messingbeschlägen in der 6er-Kiste, Gemüsemesser mit Wellenschliff und Kunststoffgriff - und sie alle tragen den stolzen Schriftzug "Calmels Laguiole" auf den Klingen.
"Pierre-Jean Calmels war mein Ururgroßvater“ beginnt Madame gerade zu wispern, da tauchen hinter ihr zwei weite¬re ältere Damen auf, ebenfalls Nachkommen des großen Messerschmieds. Die eine hat Basedow-Augen und übernimmt sofort das Kommando, schickt erst mal ihre Schwester Info-Material holen und stellt klar: "Keine Fotos hier drinnen im Laden, draußen könnt ihr machen, was ihr wollt“. Als die Broschüre über die seit 1829 im Messergeschäft aktive Familie eintrifft, hat sich die resolute Seniorchefin schon wieder etwas beruhigt. "Damit kann man prima Tomaten schneiden“ sagt sie und kramt ein Messer mit schwarzem Griff aus der Schublade, "kostet nur drei Euro."
Wir kaufen zwei dieser einfachen Calmels-Messer. Sie sind ausgezeichnet, aber hergestellt in Laguiole (sprich: Lajoll) Frankreichs legendärem Messerdorf im Süden der Auvergne - sind sie nicht. Dutzende von Messer-Shops bieten dort fast ausschließlich Industrieware an, die im französischen Thiers oder im fernen Pakistan gefertigt werden. Schon um 1900 hatten die großen Schmiede das kleine Dorf im Zentralmassiv verlassen, doch der Name Laguiole blieb untrennbar mit dem Meisterwerk verbunden, das Pierre-Jean Calmels einst kreiert hatte - ein Taschenmesser, handlich und hübsch, das bis heute zu den Annehmlichkeiten der französischen Lebensart zählt.
Calmels verwandelte 1829 den "Capouchadou", einen ursprünglich aus Spanien stammenden Kleindolch, den man am Gürtel trug, in ein bequem zusammenfaltbares Messer für den täglichen Gebrauch. Mittels einer Federkonstruktion gelang es Calmels sogar, die Klinge fest zu arretieren, in geöffnetem wie geschlossenem Zustand. Später verzierte die Schmiede die Griffe liebevoll mit Bienen, Fliegen und Kleeblättern. Oder mit kleinen Kreuzen, damit die Hirten fernab der Kirchen beten konnten - vor dem im Boden steckenden Messer mit dem Christensymbol. Oft fügte man der Klinge einen Korkenzieher hinzu, manchmal auch einen Dorn, den die Fuhrleute zur Reparatur des Lederzeugs ihrer Pferde gut brauchen konnten.
Ende des 19. Jahrhunderts zieht es viele Bewohner der armen Region nach Paris, Kohlenschlepper und Bistrokellner, die meist ein gutes "Laguiole" in der Tasche haben. Ihr Talisman, bald auch ein begehrtes Objekt der Städter, wird jetzt aus immer edleren Materialien hergestellt überall in der Welt, nur nicht in Laguiole. Das ändert sich erst 1987, als in dem 1300-Einwohner-Nest plötzlich eine silbrig glitzernde Fabrik entsteht, aus deren Flachdach eine überdimensionale Messerklinge 16 Meter hoch in den Himmel ragt.
Die hypermoderne "Forge de Laguiole" (Schmiede von Laguiole), entworfen vom Pariser Star-Designer Philippe Starck, setzt schnell neue Maßstäbe in der Messer-Manufaktur. Unter dem Silberdach schmieden, stanzen, schleifen und schärfen heute 104 Mitarbeiter Klingen aus härtestem T-12-Stahl oder aus einem Kohlenstoffdamast mit 288 Lagen. 800 verschiedene Modelle hat die Firma im Programm. Ihre leicht gebogenen Griffe sind aus kostbaren Materialien - aus schwarzer Hornspitze oder elfenbeinfarbenem Bein, aus Oliven, Wacholder- oder Palisanderholz. Seit seiner Gründung befindet sich das neue Marken-Unternehmen auf Wachstumskurs, produziert inzwischen jährlich 250000 Exemplare, zum großen Teil für den Export.
Frühmorgens schon geht es an der High-Tech-Schmiede zu wie an einem Wallfahrtsort. Touristen steigen aus Bussen und scharen sich vor den Glasvitrinen in der Eingangshalle. In einem der Guckkästen liegt nur edelste Designer-Ware. Wie wär's mit einem Käsemesser von Philippe Starck, am besten das mit dem bordeauxroten Bakelitgriff? Oder das elegante Modell, das die Modeschöpferin Sonia Rykiel entworfen hat? "Aber ja doch“ haucht eine Verkäuferin, "manche geben hier auf einen Schlag 1000 Euro für ein paar Messer aus". Schnäppchen gibt es auch, ab 25 Euro an einem Extrastand.
Vom Showroom können die Besucher direkt in die Werkstätten gehen und den Handwerkern bei der Fertigung zuschauen. In der ersten Halle steht eine 300-Tonnen-Presse, wo die Stahlklingen bei Temperaturen von 1200 Grad Celsius geschmiedet und gehärtet werden. Danach folgt der Feinschliff und zum Schluss die Montage unterschiedlichster Griffschalen. Erstaunlich, wie viele Sonderanfertigungen es hier gibt - zum Beispiel für die gehobene Gastronomie; so tafeln die Gäste in Baden-Badens vornehmen "Brenner's Park-Hotel" mit "Laguioles", deren blaurote Griffe aus Staminaholz sind.
Für höchste Ansprüche ist Virgilio Mufioz Caballero zuständig. Der Spanier, ausgezeichnet als "Meilleur Ouvrier de France" (Bester Handwerker Frankreichs), hat im Firmengebäude ein eigenes Atelier. Ein paar Prachtexemplare mit echten EIfenbeingriffen und grau ornamentierten Damaszenerklingen liegen blank poliert auf seiner Werkbank. "Solche Luxus-Serien verkaufen wir besonders gut in Barcelona“ sagt Firmenchef Gerard Boissins, betont indes, am besten liefen die "normalen Laguioles", die um die 50 Euro kosten. „Viele Franzosen tragen ihr Lieblingsmesser ständig bei sich, ein Leben lang, manche ziehen es sogar aus der Tasche, wenn sie bei Freunden oder im Restaurant essen“ erzählt Boissins. Natürlich benötigt das gute Stück entsprechende Pflege; putzen darf man es nur mit einem trockenen Tuch, der Griff sollte nicht feucht werden. Und wenn der ständige Begleiter doch einmal eine Macke hat, kann man ihn in der Schmiede von Laguiole wieder auf Vordermann bringen lassen.
Im Besitz solch eines französischen Freunds ist auch Außenminister Joschka Fischer. Als man bei ihm vor zwei Jahren aus Paris anfragen ließ, wo in Frankreich er beim nächsten Staatsbesuch am liebsten eine Stippvisite machen würde, da erinnerte sich der Bundesgrüne an alte Studententage und an eine Fahrt mit dem Käfer durchs Zentralmassiv - im Juni 2001 bekam er bei einem Besuch in Laguiole ein Philippe-Starck-Modell mit blitzendem Stahlgriff geschenkt. Und wie es die Tradition verlangt, überreichte Monsieur Fischer im Gegenzug Firmenchef Boissins eine Geldmünze - ein alter Brauch, der verhindern soll, dass die Freundschaft jemals zerschnitten wird. Tilman Müller
Quelle: Zeitschrift STERN, Ausgabe 21/2003, Autor Tilmann Müller
→ FORGE DE LAGUIOLE Onlineshop